Ordnung muß sein
oder Vetternwirtschaft
bei den Fischen

Beim gemütlichen Bierchen im Anschluss an den Tauchgang erzählte Klaus von dem bizarren Drachenkopf, den er gesehen hatte. Peter, der auch mit dabei war, meinte jedoch, das sei eindeutig ein Steinfisch gewesen. Als Jens dann aufgrund der Beschreibung behauptete, es könne sich nur um eine Art Knurrhahn gehandelt haben, war die Verwirrung groß. Nun sehen sich die o.g. Fische auch alle irgendwie ähnlich; große Köpfe, stachelige Flossen, gräusliche Gesichter.
Rein äußerlich kann ja auch noch bei den Rotfeuerfischen der Tropen bzw. bei den Steinpickern der nordischen Meere auf eine Verwandtschaft mit den Drachenköpfen geschlossen werden.
Im folgenden Beitrag wird versucht, anhand der Drachenköpfe und Drachenkopfarten zu erklären, nach welcher Systematik die verschiedenen Ordnungen, Gattungen, Familien und Arten der Fische aufgebaut bzw. miteinander verwandt sind.

Wenig Klassen, viele Arten

Ordnung muß sein, deshalb sind alle Lebewesen unserer Erde in eine bestimmte Systematik einsortiert. Stellen wir uns einmal eine Straße vor, in der 8 Häuser stehen, in die alle Tiere einsortiert sind. Jedes Haus steht dann für einen Kreis bzw. Stamm, z.B. Wirbeltiere, Gliederfüßler, Weichtiere usw. Im Haus der uns interessierenden Wirbeltiere sind fünf Wohnungen vorhanden, nämlich die Überklassen der Säugetiere, Vögel, Reptilien, Lurche und letztendlich der Fische.
Uns interessiert nur die "Fisch-Wohnung", die wiederum zwei Zimmer hat; eines für die sogenannten Knorpelfische, zu denen Haie und Rochen zählen, und eines für die Klasse der Knochenfische.
Im Zimmer der Knochenfische stehen 37 Schränke und Schrankwände, in die die jeweiligen Ordnungen dieser Klasse verteilt sind.
Wir interessieren uns jetzt nur für die Schrankwand mit der Aufschrift "Panzerwangen" bzw. mit der lateinischen Bezeichnung "Scorpaenoidae".

Die Schrankwand (= Ordnung) besteht aus mehreren kleinen Schränken (= Unterordnungen) mit zahlreichen Schubladen (= Gattungen) in denen eine Menge Kartons (= Familien) stehen. In den Kartons sind dann letztendlich die einzelnen Arten fein säuberlich in Tütchen verpackt.
D.h. in diesen Tütchen befänden sich jetzt z.B. der "kleine Drachenkopf" des Mittelmeeres oder z.B. der "Steinfisch" oder der "Rotfeuerfisch" der tropischen Meere, allerdings in unterschiedlichen Kartons und Schubladen.

Wer es übrigens ganz genau nimmt, der kann die grobe, oben geschilderte Aufteilung durch Unterstämme, Unterklassen, Überordnungen usw. noch komplizierter machen.

Panzerwangen, Groppen, Flachköpfe

Aber  zurück zur Panzerwangen-Schrankwand. Sie besteht aus acht Einzelschränken mit den Aufschriften
1. Unterordnung Panzerwangen (Scorpaenoidei)
2. Unterordnung Groppen (Cottoidei)
3. Unterordnung Flachköpfe (Platysephaloidei)
4. Unterordnung Flughähne (Dactylopteriformes)
5. Unterordnung Flügelroßfische (Pegasiformes)
6. Unterordnung Grünlinge (Hexagrammoidei)
7. Unterordnung Hoplichthyoidei
8. Unterordnung Congiopodoidei
Die letzten fünf Schränke sind nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Die in ihnen enthaltenen Fische sind für den normalen Sporttaucher ohne besondere Bedeutung, und ihre Besprechung würde den Rahmen des Artikels sprengen.

Drachenköpfe, Knurrhähne und Co

Wir nehmen uns jetzt den ersten Schrank vor, der die eigentlichen Panzerwangen enthält, und in dem wir sechs Schubladen vorfinden:

1. Drachenköpfe (Scorpaenoidei)

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der große Drachenkopf des Mittelmeeres (Scorpaena scrofa, Meersau)ist vor allem an seiner Größe (bis 50 cm) und den bartartigen Hautlappen unter dem Maul von den kleinen Drachenköpfen zu unterscheiden.

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der hier abgebildete braune Drachenkopf (Scorpaena porcus) unterscheidet sich vom kleinen roten Drachenkopf (S. notata) durch die langen Hautzipfel über den Augen.
Beide werden höchstens 20 bis 30 cm lang.

Alle Drachenköpfe zeichnen sich durch einen großen, breiten Schädel mit diversen Hautanhängseln und meist stacheligen Kiemendeckeln aus.
Die Stacheln der Rückenflossen sind mit Giftdrüsen versehen. Da es sich um ein
Gift auf Eiweißbasis handelt, kann es durch Überwärmung (ca. 60 °C) unschädlich gemacht, d.h. denaturiert werden.
Allen Drachenkopfartigen fehlt die Schwimmblase; sie sind deshalb miserable Schwimmer mit einem wirkungsvollen Saugmaul.

In der Drachenkopf-Schublade stehen acht Kartons mit den Gattungen:
1. Scorpaenae (Drachenköpfe)
2. Parascorpaenae (Dr. ähnliche)
3. Scorpaeniopsis (Skorpionsfische)
4. Sebastes (Rotbarsche)
5. Pterois  (Feuerfische)
6. Dendrochirus (Zwergfeuerfische)
7. Tetraroge (Segelfische)
8. Taenianotus (Gespensterfische)

Um das Ganze nicht allzu sehr auszuweiten, nehmen wir uns nur die interessanten Kartons Nr. 1, 3, 4 und 5 vor.
Die wohl bekanntesten Drachenköpfe aus Karton 1 sind die drei Drachenköpfe des Mittelmeeres, der große und kleine rote und der braune Drachenkopf (Scorpaena scrofa, S. notata und S. porcus).


In Karton 3 finden sich z.B. der bärtigen Drachenkopf und der falsche Steinfisch (Scorpaeniopsis barbatus und S. gibbosa); beide sind z.B. im Roten Meer anzutreffen und somit direkt miteinander verwandt.

Die Rotbarsche (z.B. Sebastes marinus,
in Karton 4) verdanken ihren Namen ihrer barschähnlichen Gestalt. Sie leben, im Gegensatz zu den meisten anderen Fischen ihrer Unterordnung, im kalten, tiefen Wasser des nördlichen Atlantiks.

Die Feuerfische (Karton 5) brauche ich wohl kaum zu beschreiben, jeder kennt die bizarren "Schleiertänzer" der tropischen Meere zumindest aus dem Aquarium.

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Der Fransen-Drachenkopf  (Scorpaenopsis oxycephalus) aus dem Roten Meer, der oft mit dem bärtigen Drachenkopf verwechselt wird.

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Beim Strahlenfeuerfisch (Pterois radiata) fehlen die Häute zwischen den Flossenstacheln 

Die beiden wichtigsten Vertreter sind der Rot- und der Strahlenfeuerfisch (Pterois volitans und P. radiata). Die Feuerfische tragen bis zu 17 Giftstacheln und gehen auch zum Angriff über, wenn sie sich bedroht fühlen.

eilat5.jpg (27723 bytes)der "klassische" Rotfeuerfisch (Pterois volitans), Foto aus dem Roten Meer

2. Knurrhähne (Triglidae)
Als kleine Überraschung finden wir im "Knurrhahn"-Karton zwei weitere Schachteln, in denen die Unterfamilien "echte Knurrhähne" (Triglinae) und "Panzerknurrhähne" (Perestediinae) untergebracht sind.
Knurrhähne können, wie ihr Name schon andeutet, mittels spezieller Muskeln an der Schwimmblase knurrende Geräusche machen. Wie die Panzerwangen haben sie einen großen, gepanzerten Kopf; ein echtes Unterscheidungsmerkmal sind ihre Brustflossen, deren untere Strahlen wie Finger ausgebildet sind, und auf denen sich diese Fische fortbewegen können.
In der Schachtel "echte Knurrhähne" sind dann endlich die Tütchen mit beispielsweise dem grauen und dem roten Knurrhahn (Eutrigla gurnardus und Trigla lucerna), die man bei Tauchgängen im Atlantik und z.T. im Mittelmeer beobachten kann.
Die Panzerknurrhähne, zu denen z.B. der Panzerfisch (Peristedion cataphractus) des Mittelmeeres zählt, unterscheiden sich von den schuppentragenden, echten Knurrhähnen durch dornige Knochenplatten, die den ganzen Körper bedecken.

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Das giftigste und Faulste, was das Meer zu bieten hat: Der Steinfisch (Synanceja verrucosa)

Dieser Fisch wird oft mit dem Steinfisch verwechselt. Deshalb heißt er auch falscher Steinfisch /Scorpaeniopsis gibbosa)

3. Steinfische (Synanceidae)
Von den Steinfischen hat wohl jeder Taucher schon einmal gehört, gesehen haben diese Meister der Tarnkunst nur wenige. Steinfische haben einen schuppenlosen Körper, der Dank seiner Oberflächengestaltung wie ein bewachsener Stein aussieht. Sie unterscheiden sich von den Drachenköpfen u.a. dadurch, dass Augen und Maul stark nach oben ausgerichtet sind. Es ist allgemein bekannt, dass das Gift aus den Rückenstacheln der Steinfische das stärkste ist, das bei Fischen vorkommt.
Z.B. im Roten Meer kann man mit etwas Glück den Lebenden Stein (Synanceja verrucosa) entdecken, wie er auf Beute lauert. Eine andere Art ist der Bewachsene Stein (Minos inermis), um dessen Kiemenöffnungen stets symbiotisch ein Hydropolyp wächst.

Die letzten drei Familien der Panzerwangen, die Pelzgroppen, Aploactinidae und die Indianerfische sind kleine, unbedeutende Fischlein, auf die in diesem Rahmen nicht eingegangen werden kann.

Von den Drachen zu den Teufeln

Neben dem soeben untersuchten Schrank für Panzerwangen steht der Schrank, in dem die Unterordnung der Groppen eingeordnet ist. Auch dieser Schrank weist acht Schubladen auf, von denen in einigen jedoch echte Exoten wie z.B. die Familie der Baikalgroppen untergebracht sind. Für den Sporttaucher sind drei Familie (= Kartons) von Interesse:

1. Groppen (Cottidae)
Die echten Groppen (Cottidae) besitzen keine Schwimmblase; es sind also reine Bodenbewohner. Der Kopf ist breit und flach, der Körper schuppenlos oder mit Knochentafeln besetzt. Von den über 300 Arten (Tütchen) sollen drei erwähnt werden, nämlich die Groppe (Cottus gobio), die ein echter Süßwasserfisch ist, sowie der Seebulle (Tauralus bubalis) und der Seeskorpion (Myoxocephalus scorpius), die in Mittelmeer, Atlantik und sogar in der Ostsee vorkommen. Der Seeskorpion wird oft fälschlich auch Seeteufel genannt, er darf aber nicht mit dem echten Seeteufel (Lophius piscatorius) verwechselt werden, der zu den Anglerfischen gehört.

2. Panzergroppen (Agonidae)
Bei den sogenannten Agonidae ist in unseren Breiten nur der Steinpicker (Agonus cataphractus) erwähnenswert.

3. Lumpfische (Cyclopteridae)

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Häufig in der Ostsee anzutreffen ist der Seeskorpion (Myoxocephalus scorpius); er ist kein Drachenkopf, sondern eine Groppe.

Als letztes schauen wir in den Karton mit der Familie der Lumpfische, in dem zwei Schachteln mit Unterfamilien stehen. Bei allen Arten sind die Bauchflossen zu einer charakteristischen Saugscheibe verwachsen.
Die Scheibenbäuche (Liparinae) haben eine nackte Haut; bekannt sind u.a. der große und der kleine Scheibenbauch (Liparis liparis und L. montagui) aus Nord- und Ostsee.
Bei den Seehausen (Cyclopterinae) ist die Haut mit warzigen Platten bedeckt. Im Atlantik kommt der Seehase oder Lumpfisch (Cyclopterus lumpus) vor.


Flacher Kopf und große Schnauze

Einen Schrank (= Unterordnung) wollen wir uns noch

vettern6.jpg (25900 bytes)Klein aber sonderbar, der Steinpicker (Agonus cataphractus), den man ebenfalls in Nord- und Ostsee finden kann. Er gehört zu den Panzerwangen

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Der Krokodilsfisch (Codiella crocodila) ist gar kein Krokodilsfisch, sondern ein Flachkopf.

ansehen, nämlich den der Flachköpfe (Platycephaloidei). Dieses kleine Schränkchen hat nur eine Schublade (= Familie) mit einen Karton (= Gattung), ist aber gleichwohl für den Taucher interessant.
Der Cociella crocodila wird im deutschen Sprachgebrauch als Krokodilsfisch be- zeichnet. Dieser Name rührt von seiner flachen, krokodilähnlichen Gestalt her, er gehört aber keineswegs zur Familie der Krokodilsfische (Parapercidae) aus der Ordnung der Lachsartigen (Salmoniformes).

Vetternwirtschaft bei den Fischen

Wenn man das alles einmal einfach zusammenfasst, dann können z.B. der große und kleine Drachenkopf des Mittelmeeres als Brüder angesehen werden. Alle Drachenköpfe und Rotfeuerfische, aber auch der Rotbarsch sind nahe Verwandte, etwa Vettern 1. Grades,
Steinfische und Knurrhähne sind dann nur noch Vettern 2. Grades, obwohl z.B. der Drachenkopf dem Steinfisch viel ähnlicher sieht als dem Rotbarsch. Nur noch über drei Ecken ist wiederum der Seeskorpion der Ostsee, den ja auch mancher mit einem Drachenkopf verwechselt, mit diesem verwandt. Der Seeskorpion ist aber andererseits wieder ein Vetter 2. Grades des Steinpickers. Und der der Krokodilfisch ist wieder um drei Ecken herum mit allen hier genannten verwandt. Und der ...
Ach das soll für dieses Mal genug sein mit der Vetternwirtschaft bei den Fischen. Bleibt nur zu hoffen, dass mancher Taucher jetzt etwas klarer sieht, wenn er einen "drachenkopfähnlichen" Fisch entdeckt. 

Text und Fotos: Bernd Rothmann

erschienen im Sporttaucher, 7/85, Seite 32

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Copyright: berodiver V 2.2, zuletzt geändert am 10.5.05